Nach-Denken und Danken

Glaubenssache zum Erntedank und Tag der Deutschen Einheit

Pastor Dirk Jonas, Ev.-luth. St.-Pankratius-Kirchengemeinde, Burgdorf. Foto: Annette Lührs
Pastor Dirk Jonas, Ev.-luth. St.-Pankratius-Kirchengemeinde, Burgdorf. Foto: Annette Lührs

Wer dankbar ist, ist froh, etwas erhalten oder erlebt zu haben. Mit anderen Worten: Er oder sie weiß es zu schätzen. Darum gehören Dankbarkeit und Wertschätzung eng zusammen. Nur ein Beispiel: Lebensmittel sind mehr als billige Massenware, die den Magen füllt. Lebensmittel sind Mittel zum Leben. Sie haben – in religiöser Tradition als Teil der Schöpfung Gottes – nicht nur einen Marktwert. Dies zu schätzen und dafür zu danken, ist seit langem an Erntedank im christlichen Festkalender verankert.

Dankbarkeit und Wertschätzung gehören zusammen. Beides kannst du einem anderen aber nicht verordnen. Darum ist die Frage aus Kindertagen, wenn es ein kleines Geschenk gab, „Was sagt man?“, falsch. Genau so falsch wie der Satzanfang, mit dem manchmal Ältere beginnen: „Man muss ja dankbar sein, dass ...“ Kann man Dankbarkeit und Wertschätzung „müssen“?

Man kann sie üben. Übung braucht Erinnerung. Erinnerung braucht Ankerpunkte. In diesem Jahr fallen am Sonntag zwei solcher Ankerpunkte auf einen Tag: Erntedank und der Tag der Deutschen Einheit. Beide erinnern mich in unterschiedlicher Perspektive daran: Ich lebe ganz wesentlich von dem, was ich nicht selbst hervorgebracht und erarbeitet habe. Und ich lebe von dem, was andere Menschen zu meinem Leben beigetragen haben.

Dankbarkeit und Wertschätzung gehören zusammen. Der Schriftsteller und Dichter Arnim Juhre (1925-2015) hat dazu 1979 ein „Lied vom Denken und Danken“ geschrieben, das mich daran erinnert und immer wieder zum eigenen Nach-Denken und Danken anregt:

„Ich hab die Faser nicht gesponnen, / die Stoffe nicht gewebt, / die ich am Leibe trage, / ich habe nicht die Schuhe, / die Schritte nur gemacht.

Ich habe nicht gelernt zu schlachten, / zu pflügen und zu säen / und bin doch nicht verhungert, / ich kann nicht Trauben keltern / und trinke doch den Wein.

Ich hab die Städte nicht entworfen, / die Häuser nicht gebaut, / und doch hab ich zu wohnen, / ich kann nicht Ziegel brennen / und doch schützt mich ein Dach.

Wer mich ansieht, sieht viele andere nicht, / die mich ernährt, gelehrt, gekleidet haben, / die mich geliebt, gepflegt, gefördert haben./ Mit jedem Schritt gehn viele Schritte mit. / Mit jedem Dank gehn viel Gedanken mit.“

Dirk Jonas
Pastor der Ev.-luth. St.-Pankratius-Kirchengemeinde Burgdorf

„Glaubenssache - Beiträge und Texte aus Kirche und Religion“

Die Kolumne erscheint jeweils sonnabends im Marktspiegel für Burgdorf und Uetze, sowie im Marktspiegel für Lehrte und Sehnde. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den Kirchen  schreiben Beiträge aus ihren Kirchengemeinden, Einrichtungen und Arbeitsfeldern, von ihren Erfahrungen und zu dem, was sie gerade beschäftigt.

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